23. Bundeswettbewerb

„Unser Dorf hat Zukunft –
Unser Dorf soll schöner werden“


Bezirksentscheid im Regierungsbezirk

Unterfranken 2009

Beuchen

Stadt Amorbach
Landkreis Miltenberg

Einführung

„Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz,
die erste Lust empfand, sei immerhin unscheinbar, unbekannt,
mein Herz bleibt doch vor allem dir gewogen,
fühlt überall zu dir sich hingezogen,
fühlt selbst im Paradies sich noch aus dir gebannt.“


Mit solch empfindsamen Worten schwärmt der große Philosoph Christop Martin Wieland von seinem „kleinen Ort“, den er am allerliebsten nie verlassen möchte. Nur selten noch sind heute solche Töne zu hören. Der „kleine Ort“ ist heute oft nicht mehr aktuell, nicht mehr zeitgemäß, die Großstadt ist begehrt. Immer mehr Menschen drängen sich auf immer engerem Raum, wohnen in schier endlos in den Himmel ragenden Betonklötzen in befremdender Anonymität, hetzen morgens durch verstopfte Straßen zu ihren Arbeitsstätten, um dann am Feierabend wieder im gewohnten Stau zu stehen. Den Abend gestaltet der nicht mehr wegzudenkende Fernsehapparat, eines der 2 Kabelprogramme wird auserkoren und wird, trotz beständiger Niveaulosigkeit, einige Stunden ertragen. Das Leben läuft in geordneter Eintönigkeit am Menschen meist vorbei. Sicherlich hat das Leben in der Stadt auch Vorteile gegenüber dem auf dem Land: Die Nähe von Schulen, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, das breite Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln, das große Angebot an kulturellen Veranstaltungen und ähnliches mehr sind Gründe für die Landflucht. Der oft physischen Vereinsamung der Dörfer folgt somit die psychische. Gleichsam wie in einem Teufelskreis verschwinden die letzten Einrichtungen, die noch zum Verweilen einluden. So kommt es dann, dass es selbst in unserer fränkischen Heimat Dörfer gibt, die weder ein Lebensmittelgeschäft noch ein Wirtshaus haben, in dem nach getaner Arbeit ein Glas Bier oder ein guter Schoppen Wein getrunken werden könnte. Die Kirche und das alte Schulhaus sind nur noch Relikte aus einer vergangenen, wohl glücklicheren Zeit. Handwerkliche Betriebe der Vorfahren gibt es schon seit Jahren nicht mehr, was soll ein Dorfbewohner noch halten, was soll ihn noch an seine Heimat binden? Ist das Dorf überhaupt noch Heimat und hat es Zukunft?
Es tritt oft das ein, wofür die deutsche Sprache das unbeholfene Wort „Dorfstilllegung“ gefunden hat. Dass dies aber nicht so sein muss, zeigt Beuchen im letzten Zipfel des bayerischen Odenwaldes, nur wenige Kilometer von der badischen Grenze entfernt. Obwohl seit einigen Jahren eingemeindet in die herrliche Barockstadt Amorbach, hat
in Beuchen der Gemeinschaftsgeist niemals nachgelassen. Im Gegenteil, noch nie waren die Bewohner, insbesondere auch die Jugend, so engagiert, die Dorfgemeinschaft,
das Dorfbild und das gesellschaftliche Leben des Ortes zu pflegen.

 

 Geschichte und Entwicklung

 

 Beuchen ist kein Ort, in dem sich weltbewegende Dinge ereigneten. In den rund 900 Jahren seiner Geschichte wurden hier weder berühmte Persönlichkeiten geboren, noch bedeutende Bauwerke errichtet. Aber dennoch besitzt Beuchen einen ganz besonderen Reiz. 470m über dem Meeresspiegel gelegen, war in Beuchen die Landund Forstwirtschaft schon immer die Haupterwerbsquelle. Auch heute noch ist Beuchen landwirtschaftlich geprägt. Der Ortsname ist wahrscheinlich abgeleitet von
„Beigen“ und „Beuchener Höhe“ und lässt auf einen ehemals üppigen Buchenwaldbestand schließen. Heute ist davon ein großer Teil gerodet, so dass 310 ha landwirtschaftlich genutzt werden, davon allein 210 ha als Ackerland. Die vier zur Zeit noch tätigen Vollerwerbsbetriebe und mehrere Teilerwerbslandwirte bauen hier vorwiegend Getreide, aber auch Mais für die Tierernährung an. Die erste urkundliche Erwähnung Beuchens stammt aus dem Jahr 1367. Es ist aber nachgewiesen, dass diese Siedlung bereits im 10. Jahrhundert gegründet worden sein muss, als die Abtei Amorbach die Höhen um das Kloster herum roden ließ. Charakteristisch für diese Zeit ist nämlich die unregelmäßige Aufteilung der Feldflur, wie sie in der Katasterkarte von 1845 für Beuchen noch deutlich zu erkennen ist. Da andere Dörfer um Amorbach in ihren Fluren Elemente regelmäßiger Aufteilung zeigen, und Beuchen der Abtei auch am nächsten liegt, dürfte es die erste von der Abtei gegründete Höhensiedlung sein. Mit der Säkularisation 1803 kam Beuchen zum Fürstentum Leinigen und der Fürst von Leiningen wurde Rechtsnachfolger der Abtei als Zehntherr in Beuchen. Doch bereits 1806 verlor Leiningen die Landeshoheit, mit dem bisherigen Fürstentum kam Beuchen 1806 an das Großherzogtum Baden, 1810 dann an das Großherzogtum Hessen und schließlich 1816 an das Königreich Bayern.
Die Volkszählung vom 01. Dezember 1875 ergab, dass das königlich bayerische Kirchdorf mit Landgemeindeverfassung in 68 Gebäuden 167 Einwohner und ebenso
viele Rindviecher beheimatete, ferner wurden 9 Pferde und etliche Schafe, Schweine und Ziegen gezählt. Eine Kirche, eine Schule, ein Wirtshaus, ein Schmied, ein
Schneider und ein Bürgermeister – Beuchen hatte also alles, was ein typisches Bauerndorf benötigte. 1887 gründeten 20 Beuchener Männer die Freiwillige Feuerwehr, 1926 wurde der Männergesangverein „Liederquell“ gegründet und im Jahre 1988 wurde der neue aktive „Jugend – und Heimatverein“ ins Leben gerufen.


Kirche

 

1923 wurde dicht neben der alten, 1708 erbauten Kirche eine neue, größere errichtet. Beachtenswert ist das von Professor Oskar Martin-Amorbach geschaffene Deckengemälde, welches das alte, 1949 schließlich abgebrochene Kirchlein im Kreise der 14. Heiligen Nothelfer zeigt. Da die Inflation zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt erreicht hatte – eine Maß Bier kostete inzwischen 72,8 Milliarden Mark – und daher nicht genug Geld vorhanden war, druckten die Beuchener es ohne Genehmigung selbst. Von den Banken und Geschäftsleuten wurde das „Falschgeld“ als Zahlungsmittel anerkannt, denn die Geldscheine enthielten den Hinweis, dass für deren Zahlung die Gemeinde Beuchen die Haftung übernimmt. Am 16.09.1923 untersagte das Bezirksamt Miltenberg, weitere Notgeldscheine zu drucken, mit der Begründung, dass die Deckung hierfür aus dem Gemeindevermögen (Wald) nicht ausreichend sei. Darauf hin erklärten die Beuchener einstimmig, dass sie für die Kosten des Rohbaues die volle Haftung und Bürgschaft durch ihren Privatbesitz in jeder Form übernehmen würden, so dass bereits am 01.10.1923 das Richtfest gefeiert werden konnte. 

 

Schule

 

1962 wurde das Schulhaus neu gebaut, eine entbehrliche Maßnahme, wenn man bedenkt, dass bereits sieben Jahre später für den Dorflehrer und seine acht Klassen zum letzten Mal die Schulglocke läutete. Das Schulgebäude wurde in der Folgezeit zunächst als Gemeindekanzlei, also als Amtssitz des ehrenamtlichen Beuchener Bürgermeisters und des Gemeindeschreibers genutzt. Später wurde es durch ehrenamtliches Engagement zu einem Vereins- und Gemeinschaftshaus der drei dörflichen Vereine umgestaltetet und dient somit heute der gesamten Dorfbevölkerung.

 

Eingemeindung

 

Das wohl wichtigste Datum der letzten Jahre ist der 01. Januar 1975. Seit diesem Tag ist Beuchen, mit eigenem Einverständnis, in die 6 km nördlich gelegene Barockstadt Amorbach eingemeindet und ist somit seitdem ein Stadtteil Amorbachs. Damit wäre eigentlich die typische Vorraussetzung gegeben, dass das Dorf seine Identität verliert. Doch durch den großen Gemeinschaftssinn wurde aus der Eingemeindung keineswegs eine Einverleibung. Schon allein durch die räumliche Trennung zur „Vaterstadt“ blieb eine gewisse Distanz bewahrt und noch heute fühlen sich die Beuchener eben als Beuchener, und nicht - obgleich manch einer stolz wäre, sich so bezeichnen zu können - als Amorbacher.

 

Landwirtschaft

 

Vier landwirtschaftliche Milchviehbetriebe, sowie ein großer Teil von Nebenerwerbsbetrieben sind heute noch in Beuchen aktiv und bewirtschaften über 300 Hektar Nutzfläche. Somit ist Beuchen der Stadtteil Amorbachs, der landwirtschaftlich am stärksten geprägt ist.

 

Leben im Ort

 

In der Dorfwirtschaft haben die Vereine die Möglichkeit, ihre Versammlungen und Zusammenkünfte abzuhalten. Am Stammtisch, unter der Dorfkastanie oder auch in der neu errichteten Jugendhütte kann allabendlich die politische Lage im Allgemeinen und die der Bauern im Besonderen, diskutiert werden. Auch das religiöse Leben kommt in Beuchen nicht zu kurz. Neben den zweimal wöchentlich stattfindenden katholischen Gottesdiensten und den kirchlichen Hochfesten wird das Kirchenpatrozinium der „14. Heiligen  Nothelfer“, das Fest des  Ortspatrons „Heiliger Wendelin“, sowie der „Gewitterfeiertag“ noch heute besonders gefeiert. So hat Beuchen trotz (oder vielleicht gerade wegen) der Eingemeindung ganz bewusst seine Identität bewahrt und seine Dorfgemeinschaft erhalten.

 

Gemeinschaftliche Einrichtung

 

Das Gemeinschaftshaus, die ehemalige alte Schule, kann von jedem, egal ob Privatperson oder Verein, für Veranstaltungen genutzt werden und bietet durch große Räume, eine Bühne, sanitären Einrichtungen und vorhandenes Geschirr, einen nahezu optimalen Rahmen. Die Instandhaltung, etwaige Reparaturen und Ausbesserungen, übernehmen die Ortsvereine. Weitere Einrichtungen sind z.B. die Jugendhütte, die ebenfalls jedem Bürger für Feierlichkeiten zur Verfügung steht, eine Maschinenhalle, in der alle Maschinen, die
gemeinschaftlich genutzt werden, platziert sind, sowie das Feuerwehrhaus.

 

Solidargedanken

 

Beuchen ist der einzige Stadtteil Amorbachs, wo jeder Jagdgenosse seine gesetzlich zur Verfügung stehende Jagdpacht solidarisch zu 100 % in eine gemeinsame Kasse einzahlt. Mit diesem Geld werden jährlich Feld- und Waldwege unterhalten, sowie auch neue Wegemaßnahmen realisiert.

 

Vereinsleben

 

Der dritte und auch gleichzeitig größte Beuchener Ortsverein macht es sich zur Aufgabe, die Jugend und Heimatpflege zu fördern und das Ortsbild zu verschönern. Er ist bemüht, die dörfliche Gemeinschaft zu beleben und für menschliche Grundbedürfnisse, wie gesellige Begegnung, Gedankenaustausch oder solidarische Hilfe zu sorgen. Seit der Gründung im Jahr 1988 hatte der Verein bereits durch die Einnahmen aus 12 Faschingsveranstaltungen und durch das alle zwei Jahre stattfindende Heimatfest, das mittlerweile weit über die Landkreisgrenzen bekannt und beliebt ist, zahlreiche Maßnahmen finanziell unterstützt. Folgende Projekte sind zu nennen:

  •  Renovierung der Kirche, Prozessionskreuz und Fahnen
  •  Erneuerung des Spielplatzes
  •  Schaffung einer neuen Jugend- und Grillhütte
  •  Sanierung von Bildstöcken
  •  Schaffung von Ruhebänken
  •  Einrichtung und Innensanierung des Gemeinschaftshauses
  •  Errichtung eines eigenen Vereinszeltes für das Heimatfest

Neben dem Jugend- und Heimatverein ist ebenfalls der Männergesangverein „Liederquell“ aktiv. Er umrahmt Gottesdienste und verschiedene Feierlichkeiten musikalisch und hat im Dorfleben seinen festen Platz. Die Freiwillige Feuerwehr ist Dank des hohen Leistungsstandard eine wichtige und tragende Säule im Ort. Sie koordiniert zahlreiche Hilfseinsätze, stellt den Maibaum auf und realisiert mit der Nachbarortschaft Steinbach aus Baden Württemberg ein Grenzfest, das direkt an der Landesgrenze im Wald stattfindet und von beiden Seiten mittlerweile sehr beliebt ist. Somit wird auch die Gemeinschaft über die Landesgrenze hinweg gepflegt. Ebenfalls integriert in das dörfliche Leben ist die Jagdgenossenschaft, der Bauernverband, sowie die Schmückfrauengruppe der Kirche. Jede einzelne Gruppierung trägt zum Gelingen und einem gemeinsamen Miteinander bei.

 

Dorf- und Bauentwicklung

 

In Beuchen gibt es keinen Bebauungsplan. Es wird sehr darauf geachtet, dass zunächst eine Bebauung im Innenbereich stattfindet, bevor die bauliche Entwicklung sich auf der Grundlage des Flächennutzungsplanes der Stadt Amorbach fortsetzt. Flächenausweisungen größeren Umfangs sind weder geplant noch wünschenswert. Vielmehr wird in Beuchen nach dem Prinzip des sparsamen und wirtschaftlichen Umganges mit Grund und Boden vorgegangen. So werden in erster Linie durch entfallene Nutzung entstandene Baulücken geschlossen. 15 neue Einfamilienhäuser wurden in den letzten Jahren im Innenbereich errichtet.

 

Dorf in der Landschaft

 

In Beuchen fand zum Vorteil der Ökologie und des Landschaftsbildes, keine Flurbereinigung statt. Durch Nutzungstausch einzelner Flächen haben die landwirtschaftlichen Betriebe in Eigeninitiative dennoch rationell bewirtschaftbare Flächen geschaffen. Somit ist das gesamte Landschaftsbild noch stark geprägt von Streuobstbeständen und gehölzgesäumten Wegen. Durch Entfernung einzelner Thuja-Hecken und Neupflanzung von Laubbäumen konnte das Ortsbild ebenfalls positiv aufgewertet werden.

Zukunft 

Den Beuchenern ist bewusst, dass nicht durch Abwarten, sondern alleine durch Aktivwerden ihr Dorf und ihre Dorfgemeinschaft zu retten ist. Mit dem nötigen Mut und Engagement wurde und wird diese Aufgabe angegangen und so werden auch ungewöhnlich oder schwierig erscheinende Maßnahmen bewältigt. So trägt jeder einzelne Dorfbewohner mit dazu bei, dass der Begriff „Dorfstilllegung“ nicht auf ihr Dorf zutrifft.

 

  

Beuchen hat Zukunft!

 

 

Peter Schmitt

1. Bürgermeister

 

 


Beuchener Heimatlied
Es liegt auf sonnigen Bergeshöhn vom Odenwald umsäumt
ein Dörflein lieblich anzusehen, so still und so verträumt.
Dies Dörflein ist mein Heimatort, ist meiner Jugend heil’ger Hort,
wo meine Wiege stand, im schönen Frankenland.
Dein Kirchlein grüßt von Weitem mich, aus rotem Dächerschein,
viel bunte Wiesen schließen dich mit wogenden Feldern ein.
In stolzen Wäldern rauscht und klingt’s, aus hundert Kehlen schallt’s und singt’s,
und alles stimmt fröhlich ein, wo könnt es noch schöner sein?
Der Ahnen Schweiß und starker Hand schuf dich, mein Dörflein traut,
aus Urwald und Heid ward Ackerland gerodet, gepflückt, bebaut.
Was Ahnenhände hier geschafft, ich will’s erhalten mit meiner Kraft,
ihm treu sein in Freud und Leid, es schützen zu jeder Zeit!
Refrain:
Beuchen, Du Dörflein klein, Du traute Heimat mein,
Dir will ich mein Herze weihn, Beuchen, Dir allein.